Schulintegriertes Malatelier


Das Projekt schulintegriertes Malatelier ist eine Initiative der KinderKreativUni Linz. Meine Kollegin Mag. Claudia Hutterer und ich waren 2011 bei Fr. Walder in der Schweiz zu Besuch, zur Inspiration und Information - Fr. Walder hat vor etwa 15 Jahren das erste schulintegrierte Malatelier initiiert. Mittlerweile gibt es rund 65 davon im Kanton Aargau. Alle Kinder der jeweiligen Volksschule kommen in den Genuss des freien Malens, manchmal auch die Kindergartenkinder des jeweiligen Ortes.

Auf ihrer Homepage findet man nähere Informationen zur Arbeit von Fr. Walder und kann auch das inspirierende Buch Die Sehreise bestellen - Empfehlung!

Weiterführende Informationen zu unserem Projekt gibt es hier!

Die Pilotprojekte fanden im Zeitraum Oktober 2012 bis Februar 2013 statt. Ich durfte die VS Zell am Pettenfirst mit knapp 40 Kindern und 3 Klassenlehrerinnen sowie den Kindergarten mit deren Schulanfängerkindern und ihrer Kindergartenpädagogin in dieser Zeit begleiten. Die Kindergartenkinder haben mit den Schulkindern gemeinsam gemalt.



Mal- und WerkRaum Schloss Puchheim


**Die Kinderkurse im Mal- & WerkRaum Schloss Puchheim fanden im Zeitraum von Februar 2004 bis Dezember 2010 im alten Trakt des Schlosses Puchheim (Attnang-Puchheim) statt. Hier können Sie Informationen über dieses Projekt nachlesen, die Texte stammen von unserer damaligen Website, die Fotos sind ebenfalls aus diesem Projekt.
Meine Kollegin Petra Maderebner gibt es über www.petramaderebner.at oder ihre lustige Firma www.filzpackerl.at zu finden. **


Wir bieten Zeit und Raum für kreatives schöpferisches Tun zur Entfaltung der Persönlichkeit und Förderung der Kreativität. Kinder malen Äußerungen und Spuren, nicht um Werke zu produzieren. Ihre Bilder sind an niemanden gerichtet, sie geschehen einfach. Es besteht kein Druck, keine Beeinflussung, keine Erwartung.

Das Wertvollste jedoch sind die Beziehungen, die uns miteinander verbinden und das gute Selbstgefühl für unsere eigenen Möglichkeiten, Talente - die Sicherheit, dass wir für alles Lösungen finden und es auch aushalten können wenn Fehler passieren oder wir an unsere Grenzen stoßen.

Für die Kinder ist das Malen ein Erleben solange es geschieht, es gibt keine Interpretationen zu einem Bild, alle Bilder bleiben bis Semesterschluss im MalRaum.


Seit wann gibt es den Mal- & WerkRaum?

Den Mal- & WerkRaum gibt es seit Februar 2004 im Schloss Puchheim (Attnang-Puchheim). Die Kinder können semesterweise angemeldet werden.

"Wenn ein Kind gelernt hat, sich gestaltend auf seine inneren Strebungen einzulassen, hat es auch erfahren, wie schöpferischer Selbstausdruck ihm helfen kann, sein inneres Gleichgewicht zu erlangen oder zu bewahren. Ein schöpferischer Mensch hat bessere Möglichkeiten, innere Bedürfnisse aufzuspüren und gestaltend zu bewältigen als ein Mensch, der niemals gelernt hat, nach innen zu schauen." -- Helen I. Bachmann, Malen als Lebensspur


Für wen konkret wurde der Mal- & WerkRaum ins Leben gerufen?

Grundsätzlich sind die Kurse für Kinder von 5-12 Jahren ausgeschrieben. In den aktuellen Gruppen sind unsere "Kinder" im Alter zwischen knapp 4 und 18 Jahren (wir haben unsere Türen für SchülerInnen der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik geöffnet und bieten den Mädchen und Burschen die Möglichkeit einer Zusatzqualifikation zur Kindergarten- & Hortpädagogik-Ausbildung).

Anm.: Im letzten Jahr nahm meine Tochter teil - sie war im Jänner 2010 gut 1½
Jahre alt und war den ganzen Nachmittag dabei - malend, filzend, essend,
beobachtend. Sie war das jüngste Kind, das wir je hatten im Mal- & WerkRaum -
wir waren immer wieder verblüfft, wie kompetent schon so junge Kinder sich im
Atelier bewegen können, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen!



Die Zielsetzung des Mal- & WerkRaumes:

Die Kinder werden sich ihrer persönlichen und individuellen Fähigkeiten bewusst und lernen diese gezielt einzusetzen. Sie üben sich in einer positiven Arbeitshaltung, die sie auch in den Alltag mitnehmen. Ausdauer, Konzentration, motorische Fertigkeiten und auch Freude am Tun gehören dazu.

Das gesamte Projekt ist für Kinder und Jugendliche und deren persönliche Entwicklung konzipiert. Es gibt bei uns kein vorgegebenes Programm, das absolviert werden muss. Im Gegenteil, je nach Vorlieben und Neigungen der jeweiligen Gruppe gibt es, abgesehen vom Malen im MalRaum, im WerkRaum verschiedene Angebote wie z.B. Schafwolle filzen, Papiere schöpfen, Kalligraphie, Kneten, Kleistern... Uns ist wichtig, dass hochwertiges Material, in einer gut vorbereiteten Umgebung zur Verfügung steht, so dass die Kinder selbständig tätig sein können und eigene Ideen umsetzen. Wir Pädagoginnen stehen begleitend zur Seite und bieten Hilfe und Unterstützung für die Durchführung der Pläne und Ideen der Gruppe sowie des Einzelnen, wo sie nötig ist.


In unserem Download-Bereich finden Sie einen Zeitungsartikel über den Mal- & WerkRaum Schloss Puchheim der in den OÖNachrichten veröffentlicht wurde, sowie einen Artikel, der Ende 2005 in der Fachzeitschrift "Unsere Kinder" gedruckt wurde. Beide Veröffentlichungen beschreiben unsere pädagogische Haltung und was uns wichtig ist sehr gut.


Organisatorisches:

Jede Gruppe arbeitet mit uns Pädagoginnen:
Für ein ganzes Semester ein Mal pro Woche 90 Minuten (15 - 18 Nachmittage)
Die Gruppengrösse: max. 10 Kinder
Die Mal- und Werkstunden finden im Schloss Puchheim statt.

Die Kinder können Semesterweise angemeldet werden, unsere Kurszeiten im Wintersemester 2010:

Gruppe 1: Mittwoch 14.30 - 16.00 Uhr
Gruppe 2: Mittwoch 16.30 - 18.00 Uhr

Es gab in manchem Semester 4 Gruppen an 2 Tagen (Mittwoch und Donnerstag) pro Woche. Manche Kinder sind über Jahre, einzelne von Projektstart bis -ende dabei gewesen.


Der Stundenablauf:

Der Nachmittag beginnt in der Gardarobe, Schuhe und Jacken ablegen, bei Bedarf das WC aufsuchen, den Malerkittel anziehen.

Warum einen Malerkittel anziehen?

Der Malkittel stellt nicht nur einen Schutz für die Kleidung dar (nicht alle Farben lassen sich auswaschen), er grenzt ausserdem den Mal- und WerkRaum vom Alltag ab.

Arno Stern beschreibt dies so: "Es bedeutet in erster Linie ein Andersaussehen - ein Anderssein. Das andere Aussehen ist ebenso wichtig wie die Abgesondertheit des Raumes von der Aussenwelt." -- Der Malort, S.26


Freiarbeit - Zeit für Arbeit:

Sie stellt den Hauptteil des Nachmittags dar und dient durch die intensive Auseinandersetzung mit den angebotenen Materialien der Entfaltung der persönlichen Ressourcen.

Wir Pädagoginnen stehen begleitend zur Seite und bieten Hilfen und Unterstützung für die Durchführung der Pläne und Ideen der Gruppe sowie des Einzelnen, wo sie nötig sind, an.

Im Mal- und WerkRaum Schloss Puchheim legen wir grossen Wert darauf, dass es keinerlei Bewertung gibt. Die Bilder der Kinder sammeln wir das ganze Semester hindurch, sie werden erst mit Semesterende mit nach Hause gegeben.

Der Nachmittag klingt aus:

Nach vertiefter Arbeit klingt der Nachmittag mit Aufräumen des Arbeitsplatzes, Hände waschen und Malkittel aufhängen aus.


Mal- & WerkRaum - Konzept

Ich male mein Bild, Du malst Dein Bild - Individualität in der kreativen Bildung

Menschen hinterlassen Spuren. Schon in den Höhlen von Lascaux ist Gemaltes von Menschen zu finden. Junge Kinder spielen mit Sand, Matsch, Farbe und sind erstaunt über die Spuren, die dabei entstehen. Malen macht Spass, hilft im Hier und Jetzt zu sein. Ganz aus sich heraus malen Kinder ihre eigenen Bilder, ohne ein Feedback, eine Bewertung von außen, ohne es jemandem recht machen zu müssen oder ohne eine thematische Vorgabe von jemandem erfüllen zu müssen, sondern nur um selber mit den eigenen Spuren  zufrieden zu sein. Darin besteht die Herausforderung und das Konzept des freien Malens und Gestaltens mit Kindern. Es ist eine Übung im Bereich der Persönlichkeitsbildung.

Das nun vorgestellte Konzept wurde gemeinsam mit Petra Maderebner für den Mal- & WerkRaum Schloss Puchheim (siehe auch "Unsere Kinder" 6/2005) entwickelt. Die Basis bildeten unsere Grundausbildungen als Kindergartenpädagoginnen. Dazu kamen Einflüsse aus Zusatzqualifikationen in Montessoripädagogik, der Malort von Arno Stern, die Haltung von Jesper Juul, Wissen aus dem Forschungsbereich Neurobiologie und selbstverständlich aktuelle Fachpublikationen wie der BildungsRahmenPlan. In den letzten 10 Jahren wurde das Konzept erprobt und hat sich für Kinder von 0-12 in verschiedenen Institutionen bewährt.

Der individuelle Prozess: Jeder arbeitet für sich...
Jedes Kind arbeitet für sich, denn es geht um den Prozess, den das einzelne Kind für sich durchläuft. Wenn ein Kind für sich malt und gestaltet heißt das auch, es muss ein Abweichen von vorgegebenen Arbeiten geben. Listen zum Abhaken, ob jedes Kind jede Bastelarbeit gemacht hat, um es etwas überspitzt auszudrücken, werden überflüssig. Hier braucht es natürlich auch entsprechende Informationen für die Eltern um eine gelungene Bildungspartnerschaft zu ermöglichen.

Sind Kinder gewohnt für sich zu arbeiten, entwickeln sie ein gutes Gefühl für sich selber, für ihre Ziele und wann sie wie viel weiterarbeiten wollen. Kinder suchen sich selbst Aufgaben. Dies können große oder auch kleine Herausforderungen sein. Selbst gesteckte Ziele entsprechen meist den eigenen Möglichkeiten. Der Lohn für die vertiefte Tätigkeit besteht darin, die Aufgabe bewältigt zu haben. Mitfreuen ist natürlich schön, kommentarlos selbstverständlich. Es gibt nie eine Rückmeldung die Bilder oder Gestaltungen betreffend, höchstens über die Arbeitshaltung und Ausdauer. Kinder lernen dadurch sich selbst zu genügen und unabhängig zu werden von Bewertungen durch Erwachsene. Denn es geschieht allzu schnell, dass Kinder Malen um jemandem etwas schenken zu können, oder um den Erwachsenen zu gefallen. Das soll jedoch vermieden werden, um der Entwicklung der Kinder Raum zu geben und vertieftes Arbeiten zu ermöglichen. Eine Beschreibung vertiefter Arbeitsprozesse von Menschen ist in der Fachliteratur z.B. bei Mihaly Csikszentmihaly in seinem Flow-Konzept zu finden. Csikszentmihaly spricht von einer Versunkenheit und konzentrierten Selbstvergessenheit während des Flow. Ausserdem ist bei ihm von einer „Harmonie, welche Flow im Selbst herstellt“ und von dem Phänomen aus dieser Arbeit gestärkt herauszugehen zu lesen. Maria Montessori benannte dies vor beinahe 100 Jahren mit der „Polarisation der Aufmerksamkeit“ und beschreibt es ähnlich wie Csikszentmihaly. Montessori sieht die Auswirkungen aus diesem Erleben als „Ursprungsort des elementaren Ordnungs- und Entwicklungsprinzips menschlicher Personalität, die dem Aufbau einer Mitte dient, welche den Menschen zentriert und ihn befähigt, über sich selbst in Verantwortung zu verfügen“.

Vertieftes Arbeiten und individuelle Prozesse können natürlich sehr inspirierend sein. So war es z.B. in einem Kindergarten: Ein Kind malt eine Ritterburg, bei anderen Kindern entsteht die Idee, den Rollenspielbereich in eine Ritterburg zu verwandeln. Etliche Kinder machen mit und die Burg entsteht zum weiteren Spiel.

Der soziale Gruppenprozess: …inmitten von anderen
Bei Kindern fördern freie mal- & gestalterische Tätigkeiten nicht nur die zeichnerisch-handwerklichen Fertigkeiten, sondern auch die Eigenständigkeit, das Selbstvertrauen sowie die Sozialkompetenz. In gewisser Weise kommt es zur Stärkung des, wie es Eckhard Schiffer bezeichnet, Eigen-Sinns (Schiffer, 2007). Dies lässt sich so erklären: Ich finde in mir selber den Sinn für mein Handeln und bin mit dem zufrieden, was ich mache. Sollte ich das nicht sein, finde ich eine Lösung dies zu ändern. Soziale Grenzen und Grenzen des Materialgebrauchs sind im Miteinander selbstverständlich.

In der Gruppe lernen Kinder, innerhalb ihres möglichen Handlungsrahmens, Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Es kam schon vor, dass mehrere Kinder gleichzeitig z.B. zum Kleistertisch möchten. Hier gibt es verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Jede Gruppe reagiert hier anders. In einer Gruppe haben die Kinder z.B. beschlossen, gemeinsam zu arbeiten. Es waren bis zu 7 Kinder im Alter von 3 und 4 Jahren an einem Tisch. Hätte ich meine Lösung vorgegeben, wäre diese Zusammenarbeit nicht möglich gewesen. So war die Lösung sowohl selbstgewählt als auch selbstgewollt und hatte durch die entstandene intrinsische Motivation, auch Bestand. Es kam auch vor, dass ein Kind bewusst gewählt hat zu warten, bis ein Einzelplatz frei wurde. Dies ist ebenfalls eine eigenständig getroffene Entscheidung, sich in den Gruppenprozess nicht hineinzubegeben.

Kleistern: Das Blatt Papier (mindestens 50x70cm, 150g/m²) liegt auf dem Tisch, ein Klecks Tapetenkleister kommt in die Mitte auf das Blatt, etwas Farbe dazu. Der erste Schritt ist den Kleister mit der Farbe zu mischen und über das ganze Blatt zu verteilen. Nun können Muster hineingemalt, Spuren hinterlassen und wieder gelöscht werden. Kinder bleiben oft längere Zeit bei diesem genussvollen Prozess. Je nach Wunsch kann noch eine zweite Farbe dazukommen. Ich arbeite mit den drei Grundfarben rot, gelb und blau. Hieraus kann, unter Zugabe von schwarz oder weiss, jede Farbnuance gemischt werden, die vorstellbar ist – forschen und experimentieren wie im Bildungsrahmenplan zu lesen ist. Es entstehen Muster und Spuren, die die Dynamik der Bewegung des/der Malenden widerspiegeln. Mit den Händen in die Farbe einzutauchen und mit den Fingern zu malen und zu experimentieren, ist entspannend. Dies hat nichts mit herumschmieren zu tun! Jedes gemalte Bild kann sofort wieder gelöscht werden. Erst wenn der Prozess beendet ist bleibt ein Bild, als letztes einer ganzen Reihe, ähnlich einer Zaubertafel, bestehen. Ein vorschnelles “das gefällt mir schon so, es ist fertig” kann den Prozess unterbrechen und dahingehend wirken, dass es nun um die Herstellung von Produkten geht und nicht mehr um das Entdecken der eigenen Möglichkeiten.

Ich bin für dich da
Die individuellen Bedürfnisse und Talente des Kindes in einem gleichwürdigen Umgang wahrzunehmen, zu fördern und zu unterstützen, gehören zu den wichtigsten Aspekten der Begleitung von Kindern. Die Qualität der Beziehung entscheidet über unser Wohlbefinden und unsere Entwicklung als Mensch. Bei Howard Gardner ist von sieben Intelligenzen (Sprache, Mathematik & Logik, Musik, Räumliches Denken, Bewegung, Interpersonale sowie Intrapersonale Intelligenz (Gardner, in Goleman 1999)) des Menschen zu lesen. Jeder Mensch, jedes Kind hat Talente in einem dieser Bereiche. Als PädagogIn gilt es einen Blick dafür zu bekommen, wo diese Interessen und Begabungen liegen und diese Stärken zu stärken.

Der Begriff der Gleichwürdigkeit stammt von Jesper Juul und will weg von der Wertigkeit, denn Gleichwertigkeit bestimmt immer auch einen Wert (mehr/weniger) und begünstigt Hirarchien. In der Würde, in der ich möchte, dass man mir begegnet, begegne ich auch anderen. Es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe bei der auf gute, tragende Beziehungen großer Wert gelegt wird. Als PädagogIn für die Kinder da zu sein heisst, sie in ihrem Tun zu begleiten. Da zu sein, wo ich gebraucht werde und mich zurückzuhalten wo dies nicht der Fall ist. Franz Cizek antwortete auf die Frage, worin seine Rolle als Kunsterzieher bestünde: „Ich tue eigentlich nichts; ich ermögliche den Kindern nur ihr Gestalten und im übrigen schütze ich sie vor fremden Eingriffen.“ (Hafner, Weber, 1965). “Der Eingriffe gibt es viele”, so beschreiben Hafner & Weber ihre Einschätzung als Lehrer, “von Vorlagen, Korrekturen, Hilfen, Dreinreden und Nörgeln, Ansporn zum Prahlertum und die leidige Hast. Wir haben hier jedenfalls nicht zu unterrichten, sondern zu entfalten, Stimmung zu schaffen und Möglichkeiten zu bieten”.

Hammerer (1999) beschreibt die Haltung der Lehrerin als eine "mit Liebe und Sorgfalt" handelnde, die "solange aktiv ist, bis die Beziehung zwischen Kind und Umgebung hergestellt ist. Wenn dies der Fall ist, zieht sie sich mehr und mehr zurück. Sie lässt jenen, der sucht, ihre Gegenwart fühlen und zieht sich von dem, der gewählt hat, zurück. Die Lehrerin muss das Kind beobachten, es soll ihr nicht entgehen, wenn das Kind vergeblich einen Gegenstand sucht oder Hilfe braucht. Sie muss zuhören und die richtige Beziehung finden können, wenn sie dazu eingeladen wird. Sie muss den, der Fehler macht, respektieren, ohne ihn zu korrigieren. Sie muss denjenigen, der sich ausruht oder den anderen bei der Arbeit zusieht, respektieren, ohne ihn zurechtzuweisen oder zur Arbeit zu zwingen." Hierin liegt meine Begleitung: Zu erkennen, wo braucht das jeweilige Kind Hilfe um die selbstgewählten Projekte fertig zu stellen und dranzubleiben, wie viel Hilfe ist gerade notwendig um Selbstwirksamkeit zu erleben und die Freude am Fertigstellen zu bewahren.

Ein Platz zum Malen und Gestalten
Ganz gleich um welche Tätigkeit es sich handelt, wichtig ist immer, dass der Raum so vorbereitet wird, dass stressfrei gearbeitet werden kann, dass alles da ist, was gebraucht wird und es einen Platz zum Trocknen der Blätter / Gestaltungsarbeiten gibt.

In Krabbelstuben, Kindergärten, Horten oder auch in Schulen haben sich Malwände bewährt. Eine Malwand ist ein Platz zum Stehend malen auf großen Blättern (50x70cm). Es gibt keine Vorgaben, was gemalt werden soll, wie es gemalt werden soll und auch keine Bewertung der Bilder (Siehe auch “Methoden des Kindergartens 2: EntwicklungsRaum Kindergarten”, Pij Arnold-Klapproth, S. 171f). Malt ein Kind ein Bild sind alle Emotionen, die das Malen begleitet haben, im Bild vorhanden. Wird dieses Bild dann bewertet, fühlt sich das Kind bewertet. Arno Stern vertritt ganz vehement den Ansatz Kinderbilder niemals zu beurteilen und das Malen bzw. die Bilder vor fremden Blicken zu schützen. Er vergleicht das Malen mit dem Tanzen und sagte beim Ausbildungsseminar (Paris, 2003): “Was muss nach dem Tanzen bleiben, außer das Gefühl getanzt zu haben?“ Durch eine Bewertung durch den/die PädagogInnen geschieht es schnell, dass Kinder malen um es den Erwachsenen recht zu machen bzw. Bilder wiederholt malen, bei denen sie ein Lob bekommen haben. Die eigenen, inneren Bilder kommen dabei jedoch zu kurz.

Neben dem freien Malen steht immer auch das Malen mit Kleister und flüssigen Farben zur Verfügung. Beim freien Malen kommt irgendwann der Punkt, an dem Kinder sich die Hände bemalen möchten. Dies möchte ich jedoch nicht beim stehend Malen, da innerhalb kürzester Zeit die Pinselstiele Farbe abbekommen und so die Hände der anderen Kinder farbig werden. Dazu sind neben dem Bemalen der Hände vertiefte Malprozesse schwer möglich. Im Atelier gilt jedoch: Nicht das Bedürfnis ist falsch, sondern für dieses Bedürfnis braucht es einen anderen Rahmen. Dafür hat sich der Kleistertisch sehr bewährt. (Siehe Kasten: Kleistern)

Selbstverständlich gibt es Papiere in unterschiedlichen Formaten, Farbstifte, Ölkreiden u.ä. im Mal- & Gestaltungsbereich. Es wechseln sich unterschiedliche Angebote ab bzw. kann vieles nebeneinander bestehen, wenn der Platz vorhanden ist. Bunte Schafwolle zum Filzen, Ton, Papiermachee, Papiere schöpfen u.ä. gehören hier dazu.

Grundsätzlich wird hochwertiges Material angeboten, dies spiegelt die Wertschätzung der Tätigkeit gegenüber wieder und bewirkt Achtsamkeit im Umgang. Arno Stern sagt zur Materialauswahl: “Das Spielen mit Pinsel und Farbe ist genussreich. Es gibt dem Kind das Gefühl, etwas gut zu können. [...] Ich biete den Kindern das allerbeste Werkzeug, damit sie das Spiel ernst nehmen und mit Sorgfalt mit den Materialien umgehen.” (Vortragsmitschrift, Paris, 16.4.2003). Aus der Montessoripädagogik ist der Begriff der vorbereiteten Umgebung bekannt. Hammerer (1999) schreibt dazu: "Die Umgebung muss aufs genaueste gepflegt werden, so daß sie immer rein, sauber und ordentlich ist. Man schmückt sie durch anziehende Ornamente, wie dies ein Diener tun würde, der den Herrn erwartet und für ihn das Haus schön macht." Hammerer zitiert hier aus Kursunterlagen der Teilnehmerin Erika Hoffleischhacker, welche bei einem von Dr. Montessori gehaltenen Kursus 1933 in Barcelona entstanden.

Aufbewahrung: In einem Kindergarten habe ich Platz für Mal- & Gestaltungskisten geschaffen. In Holzkisten (Größe wie Eigentumsladen) hatte je Kiste ein Material zum Experimentieren Platz. Die Kisten waren frei zugänglich und hatten folgendes zum Inhalt: Spachteln, Nass-in-Nass-malen, Falten, Schneiden, Kleben, Murmeln, „Laternenkiste“ mit Transparentpapier, „Pinseltestkiste“ (Pinsel von fein bis grob, Haarpinsel, Borstenpinsel, Schaumstoffpinsel..) u.ä.

Verlässlichkeit im Angebot und prozessorientiertes Arbeiten
Alles was da ist findet man immer wieder, so lange, bis es nicht mehr interessant scheint. Denn wenn ein Kind kommt und z.B. an einem Bild weitermalen möchte, jedoch sieht, dass für heute ein neues Angebot vorbereitet wurde, wird es nicht zum Malen sondern zum neuen Angebot gehen. So werden laufende Prozesse unterbrochen. Dies möchte ich als Pädagogin vermeiden. Selbst wenn ein Material nicht mehr benützt wird, lasse ich es noch einige Tage stehen. Wird es immer noch nicht bespielt, räume ich es weg oder variiere es und warte, was passiert. Habe ich es weggeräumt und fragen die Kinder danach, können wir schauen, ob und was genau gebraucht wird. Fragen die Kinder nicht nach, lasse ich es vorerst weg. Variieren kann ich das Angebot durch Zusatzmaterial.

Ein Beispiel: eine Zeit lang wurde gerne Murmelpapier hergestellt, irgendwann reisst das Interesse ab, entweder räume ich das Angebot weg oder ich gebe z.B. unterschiedlich große Schachteln, verschiedenartige Murmeln oder Papierklebeband zum Abkleben einzelner Teile dazu.

Ein über lange Zeit gleichbleibendes Angebot ist ein „stabiler Hintergrund“ auf dem sich Entwicklung sozusagen abbildet. Wofür ich heute keine Zeit finde, das kann ich morgen probieren. Es ist immer wieder ein sich einlassen, spielen, üben, sicherer werden. Das gehört zum Erlernen eines Handwerks. Würde man ständig neue Dinge/Techniken anbieten, bestünde die Gefahr in die Breite statt in die Tiefe zu wirken. Vertieftes Arbeiten und z.B. Materialgrenzen zu erfahren wäre dadurch nicht möglich. Prozessorientiertes Arbeiten heisst auch, nicht ein Einzelangebot zu setzen wie z.B. Filzblumen zum Muttertag mit den Kindern zu machen. Wurde jedoch schon lange Zeit gefilzt, kann die Einladung, Blumen zum Muttertag zu Filzen, von den Kindern angenommen werden.

ElementarpädagogInnen sind hier erste ProfessionalistInnen und WegbereiterInnen in der Entwicklung des Selbstgefühls. Kinder, die wie hier beschrieben frei Malen und Gestalten, sind danach weder Künstler, noch haben sie eine Therapie durchlaufen. Es ist eine Übung in positiver Arbeitshaltung. Ausdauer, Konzentration, motorische Fertigkeiten und auch Freude am Tun gehören dazu. Sich gut zu spüren und ein Wissen zu entwickeln für das eigene Können und die eigene Person ist ein Ziel. Erfahrungen aus der freien Arbeit nehmen Kinder mit in den Alltag.

Verwendete Literatur

Goleman, Daniel; Kaufman, Paul; Ray, Michael: Kreativität entdecken. Dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München, 1999

Juul, Jesper: Was Familien trägt. Werte in Erziehung und Partnerschaft. Ein Orientierungsbuch. Kösel-Verlag, München, 5. Auflage 2007

Schiffer, Eckhard: Warum Huckleberry Finn kein Ritalin brauchte. Schöpferischer Eigen-Sinn als salutogenetische Ressource. In Ulrich, Bernd (Hrsg): Zukunft für Kinder, die aus dem Rahmen fallen. Audiotorium Netzwerk, Müllheim/Baden, 2007

Fischer, Reinhard: Die Polarisation der Aufmerksamkeit und das “Flow”-Phänomen. Das Konzentrationsphänomen bei Montessori und Czikszentmihalyi. In: Ludwig, Harald (Hrsg.): Montessori in der Diskussion. Aktuelle Forschungen und internationale Entwicklungen. Herder Freiburg im Breisgau, 1999

Hafner, Gustav; Weber, Heinz: So fängt es an. Bildnerisches Gestalten in Kindergarten, im Vorschulalter und auf der Unterstufe der Volksschule. Stiasny Verlag, Graz, 1965

Hammerer, F.: Entwicklung und aktueller Stand der Montessori-Pädagogik in Österreich, in: Ludwig, H. (Hrsg.): Montessori-Pädagogik in der Diskussion. Aktuelle Forschungen und internationale Entwicklungen. Herder Freiburg, Basel, Wien 1999

Buchempfehlungen

Stern, Arno: Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll. ZS-Verlag Zabert Sandmann GmbH, München, 2012

Stern, Arno: Das Malspiel und die natürliche Spur. Malort, Malspiel und die Formulation. Library of Healing Arts. Drachen Verlag GmbH, Klein Jasedow, 2005

Huizinga, Johan: Homo Ludens. Herausgegeben von Burghard König. Originalausgabe 1938, 18. Auflage März 2001, rowohlts enzyklopädie, S.10-22

Strauss, Michaela: Von der Zeichensprache des kleinen Kindes. Verlag Freies Geistesleben GmbH, stuttgart, 3. Auflage 1983

Walder, Elisabeth; Zschokke, Beatrice: Sehreise. In Kindern Malfreude wecken. Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien, 2. Auflage 2008 (derzeit zu beziehen bei Elisabeth Walder: www.malraumbaden.ch)

Kunstuniversität Linz; Pilar, Gertrud: Kinderkraft. 40 Jahre Kinder-Atelier. Kunstuni Linz, 2010

Weiterführende Links
Homepage der mit-Initiatorin Petra Maderebner, Filzpackerl

Autorin: Isabella Fackler